Abriss der Geschichte der AV Hansea

Gründung als Tochterverbindung der Suevia Berlin

Als die Jahrhundertwende insbesondere in den Wintersemestern Suevia Berlin zahlreiche Aktive aufwies, kamen dort Teilungsgedanken auf. Nachdem die Aktivitas die Alten Herren von der Notwendigkeit einer Teilung überzeugt hatte, konnte am 18. Juni 1900 die Teilung erfolgen. 17 Mitglieder der Suevia, hauptsächlich dort verkehrende Cartellbrüder, traten zur Tochterverbindung namens Hansea über, darunter Joh. Peter Floßdorf (BvBo), Friedrich Gaßner (BvBo), Wilhelm Hinsenkamp (H-RG), Otto Hömberg (RFb), Heinrich Kirsch (BvBo), Konrad Köhler (Gu), Hans Nolte (BvBo), Joseph Roeckerath (BvBo) und Martin Steinbrecher (Sv). Gründungssenior wurde Joseph Roeckerath, der im Semester zuvor Consenior der Suevia gewesen war.

Joseph Roeckerath
Joseph Roeckerath (BvBo, Sv, Hs),
Gründungssenior der Hansea Berlin.

Die Genehmigung durch Rektor und Senat erfolgte am 26. Juni 1900, die Aufnahme in den CV am l. Juli 1900. Am 18. Juni 1900 konstituierte sich der Altherrenverband, dessen Leitung Georg Klose übernahm (Phil.-x bis 1914). Das Publikationsfest fand vom 15. bis 17. Juli 1900 statt; Senior Roeckerath erhielt hierbei aus der Hand des Schwabenseniors Wilhelm Brinschwitz (Mm, Sv) die Verbindungsfahne. Ein erstes Heim bezog Hansea im Katholischen Vereinshaus, Niederwallstraße 11.

Schwierige Auftauphase bis zum 5. Stiftungsfest

Die Mitgliederstärke des ersten Semesters konnte in der Folgezeit nicht gehalten werden; so weist das CV-Verzeichnis von 1901 nur sieben Hanseaten aus, nämlich Paul Flegel (Rh, BvBo), Wilhelm Schellberg (Rh, BvBo), Rudolf Reinsch, Engelbert Graf, August Stellmacher (wohl der erste Fuchs, rezipiert am 14. Oktober 1900), Joseph Dreckmann (Gu) und August Henschel. 1902 lag die Zahl der Aktiven bei zehn, 1903 bei elf.

Im SS 1904 bildeten nur ein Aktiver und zwei Altfüchse, denen sich fünf Cartellbrüder anschlössen, die Aktivitas. Bald kam es zu einer Couleuränderung: Das Burschenband erhielt am weißen Streifen eine blaue Perkussion, für das Fuchsenband wurde die Farbenfolge blau-rot-blau festgelegt. Mit dem Apotheker Oswald Spohn verzeichnete die Verbindung ihren ersten Urphilister, nachdem seit 1902 mit Pfr. W. Frank (WO, Dr. med. Georg Klose (Wf) und Pfr. Dr. Hermann Joseph Wurm (Sx) drei Bandphilister der Hansea angehörten.

Ab Januar 1905 benutzte Hansea das Restaurant »Zum Schultheiß«, Friedrichstraße 46, als Kneiplokal eingeweiht am 25. Januar 1905. Ende WS 1904/05 gab sich die Verbindung ein neues Bandstatut. Im SS 1905 konnten endlich drei in Berlin ansässige Füchse rezipiert werden, so dass in der Verbandszeitschrift Academia vermeldet werden konnte: »Jetzt ist wenigstens ein Stamm da!« Im Dezember 1905 feierte Hansea das 5. Stiftungsfest, bei dem die Aktivitas eine neue Fahne erhielt.

Entwicklung bis zum Ende des Kaiserreichs

Im Januar 1906 bezog Hansea eine Kneipe im Restaurant »Zum Schultheiß«, Unter den Linden 4 a. Im WS 1909/10 lautete die Verbindungsanschrift auf Lindenstraße 155/I, wo eine »gemütliche und komfortabel ausgestattete Kneipe« am 20. November 1909 eingeweiht wurde. Im SS 1910 musste man wegen »widriger Verhältnisse« diese Kneipe verlassen; ein »besserer Ersatz« fand sich in den »Sophiensälen«, Sophienstraße 17/18. Am 14. Juni 1910 fand der feierliche Umzug dorthin statt. Hier wurden jeden Samstag im Semester Kneipen geschlagen, montags fanden die Convente statt.

Von 1910 bis 1912 war die Mitgliederstärke gering; sie lag bei acht bis zwölf Burschen und vier bis sechs Füchsen. Im Februar 1911 feierte Hansea unter Jubelsenior Josef Dienst das 10. Stiftungsfest. Im WS 1911/12 verlegte die Verbindung ihr Verkehrslokal vom Hotel »Monopol« ins »Schultheiß«, Unter den Linden 18.

Im WS 1912/13 war Hansea auf über 20 Aktive angewachsen und bezog 1913 das Restaurant »Zollernhof«, Unter den Linden 56, als Verkehrslokal. In den Ferien vor dem WS 1913/14 wurde das Verbindungsheim in den »Sophiensälen« neu hergerichtet und ausgestattet; Verkehrslokal wurde wieder das Hotel »Schultheiß«. Im Sommer 1914 fand beim Katholikentag in Münster ein »Hanseatentag« statt.

Aktivitas der AV Hansea im SS 1910
Die Aktivitas der Hansea im SS 1910.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte Hansea das WS 1914/15 noch normal beginnen, doch zu Semesterende waren von den 18 Aktiven nur noch sechs ortsanwesend. Das dritte Kriegssemester, das WS 1915/16, wurde mit fünf Aktiven eröffnet, die die Chargenämter unter sich verteilten und sich jeden Sonntag zusammen mit Alten Herren und zahlreichen »feldgrauen« Cartellbrüdern zum Frühschoppen »am alten Hansentisch im Schultheiß« versammelten. »Wenige!, aber treu« - so charakterisierte Hansea ihren Mitgliederstand im WS 1916/17. Die vier Chargenämter wurden auf zwei Alte Herren verteilt, ein FM war nicht mehr erforderlich. Als das »Schultheiß« kriegsbedingt geschlossen wurde, verlegte die Verbindung ihre Veranstaltungen in den »Löwenbräu«, Charlottenstraße 50/51. Im SS 1917 konnten, obwohl kein Aktiver am Ort war, drei Kriegsfüchse rezipiert werden.

Im WS 1917/18 waren erstmals wieder zwei Aktive ortsanwesend, ein vierter Fuchs wurde aufgenommen. Die Leitung des Bundes lag nach wie vor - bis Ende SS 1918 - in den Händen des Apothekers Wilhelm Gladbach. Das SS 1918 konnte zwar mit 21 Verbindungsangehörigen eröffnet werden, verlief aber wegen der Anwesenheit von nur einem Fuchsen als einzigem Aktiven am Ort ruhiger als die vorherigen Kriegssemester. Es wurde monatlich nur noch eine Zusammenkunft in einem Weinrestaurant abgehalten. Der Krieg forderte den Tod von sieben Hanseaten.

In der Weimarer Republik

Bei Kriegsende hatten sich bis zur Jahreswende 1918/19 noch keine Aktiven eingefunden; die Alten Herren trafen sich regelmäßig in wechselnden Lokalen. Am 25. März 1919 konnte sich die Aktivitas auf einem BC mit vier Bundesbrüdern rekonstituieren; Verkehrslokal wurde das »Lindenrestaurant«, Unter den Linden. Der CC des SS 1919 wählte Geh. Regierungsrat Dr. Wilhelm Schellberg zum Philistersenior (bis 1933 im Amt).

Im Zwischensemester 1919 war die Aktivitas durch Neuaufnahmen und Meldungen von Cartellbrüdern wieder zu einer stattlichen Corona angewachsen. Im SS 1920 bezog die Verbindung im Villenvorort Friedenau, Handjerystraße 64, eigene Räume, während der »Löwenbräu« als Verkehrslokal beibehalten wurde, und feierte im Juli das 20. Stiftungsfest.

In den Nachkriegsjahren gingen die Verbindungsmitglieder zahlreichen sportlichen Aktivitäten nach, wie Tennis, Fechten, Reiten und Rudern. Oft besuchte Dr. Carl Sonnenschein, der »Apostel Berlins«, Hansea und stand auch den jungen Hanseaten mit Rat und Tat zur Seite. Nach der Überwindung der Inflation beging die Verbindung 1925 unter Senior Robert Fischer das 25. Stiftungsfest in »würdiger Form«.

Obwohl in den Jahren 1930 bis 1933 die Zahl der Aufnahmeanträge geringer wurde, blieb Hansea bei einer strengen Fuchsenauswahl, so dass der Fuchsenstall durchschnittlich nur aus fünf bis sechs Füchsen bestand; jedoch verstärkten weiterhin Cartellbrüder die Aktivitas.

Im Dritten Reich

Im SS 1933 stellte Hansea auf das Führerprinzip um; erster Verbindungsführer wurde Robert Fischer (bis 1936). Im WS 1933/34 zog die Verbindung in die Oranienburgerstraße 66 um. Am 7. Juli 1934 fusionierte die Aktivitas auf Anraten der Verbandsführung mit der Aktivitas der Borusso-Saxonia zur Borusso-Saxonia-Hansea, und zwar zunächst auf die Dauer von zwei Jahren. Die vereinigte Verbindung nahm die Farben rot-weiß-schwarz mit weißer Perkussion in der schwarzen Farbe und blauer Perkussion in der roten Farbe an; die Mützenfarbe war rot bei schwarz-weißer Perkussion. Verbindungsführer der gemeinsamen Aktivitas war im WS 1934/35 Rudolf Pabst (B-S) und im SS 1936 Anton Wösthoff (B-S). Die Stiftungsfeste beider Verbindungen wurden zusammen gefeiert, und zwar vom 7. bis 9. Juli 1934.

Die fusionierte Aktivitas blieb auch bestehen, als sich der CV am 27. Oktober 1935 auf der 63. Cartellversammlung in Würzburg auflöste. Am 18. Februar 1936 beschloss ein CC, den zweijährigen losen Zusammenschluss mit Borusso-Saxonia nach Ablauf im Oktober nicht zu einem festen Zusammenschluss werden zu lassen, da das Haus der Borusso-Saxonia zu große finanzielle Lasten aufbürdete. So führte Hansea wieder eine eigenständige Aktivitas, wenn auch nur für kurze Zeit, denn am 29. Juni 1936 beschloss der CC die Einstellung des Aktivenbetriebes. Der Altherrenverband existierte als »Verband Alter Freunde der Hansea« weiter. Nach dessen zwangsweiser Auflösung durch den »Himmler-Erlaß« vom 20. Juni 1938 - als restliche Barschaft wurden am 10. Oktober 1938 60 Reichsmark auf Geheiß der Gestapo an die NS-Studentenkampfhilfe abgeliefert - trafen sich die Hanseaten weiterhin in häufig wechselnden Lokalen. 19 Verbindungsmitglieder verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben, ein Hanseate, Dr. Richard Bittmann, wurde Opfer der NS-Gewaltherrschaft.

Heinz Thiel
Cand. chem. Heinz Thiel,
erster aktiver Senior der
in Köln wiederbegründeten
Hansea (Berlin), Präsident
der Katholischen Deutschen
Studenten-Einigung (KDSE).

Wiederbegründung

Nach dem Zweiten Weltkrieg riefen Alte Herren in den Westzonen die erreichbaren Bundesbrüder zusammen und manifestierten den Willen zur Reaktivierung des Verbindungslebens im Westen. Eine Rekonstituierung in Berlin erschien angesichts von drei CV-Verbindungen am Ort als nicht erfolgversprechend; außerdem waren in Berlin nur noch wenige Hanseaten ansässig. Erster Nachkriegsphilistersenior wurde RA Rudolf Abel, der seine Conphilister zu ersten Besprechungen nach Bochum einlud. Den umfangreichen Briefwechsel der Altherrenschaft führte Victor Calles.

Die Hanseaten nahmen nach einem Zeitraum von über einem Jahrzehnt und nach dem Untergang all ihres Altbekannten den 1936 liegen gebliebenen Faden und die Idee wieder auf und erinnerten sich nicht nur so an den unverbrüchlichen Zusammenhalt der Hanseaten-Gemeinschaft, sondern wussten um die unersetzliche Qualität der nachhaltigen Verbundenheit der Mitglieder in der Verbindung AV Hansea und um die Zukunftsfähigkeit von Mut, Disziplin und Solidarität der Mitglieder für alle Mitglieder der Verbindung.

Nachdem sich herausgestellt hatte, dass Hansea in Köln wiedererstehen könnte, fand dort am 16. Juli 1949 der Wiederbegründungsconvent statt. Alte Herren bildeten den aktiven Vorstand; so wurde Regierungsrat Dr. Franz-Alfons Oetker Wiederbegründungssenior. Als vier Burschen der Rheinland Köln für ein Semester zur Hansea gingen, konnte die Aktivitas, die im Haus von Victor Calles verkehrte, beim Rektorat angemeldet werden; erster Aktiven-Senior wurde Heinz Thiel. Am 17. November 1949 fand die Publikation mit der Rezeption der ersten Nachkriegsfüchse statt.

Vom 50. Stiftungsfest bis zur Gegenwart

Am 22./23. Juli 1950 feierte Hansea unter Philistersenior Hans Lukaschek (Phil.-x 1949 - 1954) und Jubelsenior Hans-Georg Emmendörfer in Köln das 50. Stiftungsfest, zu dem sich auch zwölf Bundesbrüder aus Berlin und der Ostzone einfanden. Beim Festkommers im Restaurant »Stadtgarten« erhielt die Aktivitas die alte, in der Ostzone wieder aufgetauchte Fahne.

Auf Betreiben von AH Wolfgang Greimers konstituierte sich am 3. März 1953 ein Hanseatenhaus-Verein, der in Köln-Lindenthal, Joseph-Stelzmann-Straße 7, ein Studentenwohnheim errichtete, eingeweiht im WS 1955/56. Später wurde das Haus mehrmals renoviert bzw. umgebaut. Infolge der Studentenbewegung hatte Hansea vom SS 1969 bis einschließlich SS 1973 keine Aktiven-Chargen.

Die Geschlossenheit der Studentenschaft in den 50ern und die Unterbringungsmöglichkeit von bis zu über 40 Studenten im Hanseatenhaus führte zu vielen Aufnahmen bei AV Hansea und so zu starken Jahrgängen. Die setzte sich bis in die 60er fort. Infolge der Studentenbewegung zu Ende der 60er verloren die Studenten das Interesse an Studentenverbindungen und deren Gemeinschaftsbildung. So zählte auch AV Hansea vom SS 1969 bis einschließlich SS 1973 nur sehr wenige Aktive und hatte keine Aktiven-Chargen. Die weiteren Jahre der 70er führten nur allmählich wieder zur Erstarkung der AV Hansea.

Beim 80. Stiftungsfest 1980 umfasste die Verbindung unter Senior Jürgen van Gember 25 Aktive und 175 Alte Herren. Einen weiteren Höhepunkt im Verbindungsleben brachte das 90. Stiftungsfest an Pfingsten 1990 unter Philistersenior Wolfgang Greimers (Phil.-x seit 1978) und Senior Wolfgang Schaarmann. Auf der Grundlage des Verbändeabkommens zwischen CV und TCV schloss Hansea 1991 mit Unitas Illmenau/Thüringen im TCV eine Patenschaft ab. Im gleichen Jahr bestand die Aktivitas aus 22 Urstudierenden und sechs Bandinhabern.

Im Jahr 2000 beging AV Hansea unter dem Senior Daniel Koschera und Philistersenior Wolfgang Greimers das 100. Stiftungsfest und feierte angemessen wie ausgiebig mit 170 Alten Herren und 29 Aktiven das 100-jährige Bestehen einer durch viele Veränderungen und Herausforderungen geprägten Gemeinschaft und Idee. AV Hansea verband damals wie heute das Festhalten an christlichen Werten mit dem Anspruch einer innovativen, selbst bestimmten Anpassung an die modernen Umstände und bot ansprechende Vorträge mit bekannten und angesehenen Referenten auf dem Hanseatenhaus wie auch an der Universität zu Köln an.

Schon vor dem Wechsel ins neue Jahrhundert und Jahrtausend zählte AV Hansea viele neue Freunde: die starke und sehr aktive Teilhabe von drei Hanseaten am Vorortspräsidium Kölns für den CV unter dem VOP Torsten Rosenkränzer im Jahr 1997/98 führten zu regen und freundschaftlichen Kontakten nach Belgien und Österreich. So bestehen seit 1999 ein Freundschaftsabkommen mit KöHV Rugia Wien im ÖCV und seit 1998 ein Freundschaftsverhältnis mit dem KVHV Brüssel, die die internationale Kontaktpflege der Hanseaten wie auch die grenzüberschreitende Akzeptanz der sinnvollen Einrichtung eines nachhaltigen Zusammenhalts beweisen. Allein im Jahr 2000 zählte AV Hansea acht Mitglieder, die nicht gebürtige Deutsche sind und während ihres Studiums in die Gemeinschaft offenherziger und toleranter Deutsche fanden.